BVO - Bezirksverband Oldenburg

Presse

Datum
21.01.2017
Kategorie
Gut Dauelsberg
Quelle
Delmenhorster Kurier

Hilfe für Obdachlose in Delmenhorst

 

Von der Straße zurück ins Leben, Gut Dauelsberg

von Alexandra Penth 23.01.2017

 

Die Diakonie und das Gut Dauelsberg kümmern sich um Obdachlose in der Stadt und helfen ihnen bei der Wohnungssuche. Davon profitiert unter anderem Jens Schiefelbein. Nach vielen Jahren auf der Straße.

Jens Schiefelbein lebt derzeit nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Gut Dauelsberg. Dort lernt er auch wieder, einen strukturierten Tagesablauf einzuhalten

Nach dem frühen Tod seiner Mutter habe er sich mit seinem Vater nur noch gefetzt, erzählt Jens Schiefelbein. „Da ging es los“, erinnert er sich. Der damals 18-jährige Bassumer war nirgendwo mehr richtig zu Hause, reiste umher, übernachtete bei Freunden auf der Couch oder kam bei Verwandten unter. Der gelernte Koch geriet auf die schiefe Bahn, nahm Drogen, trank, landete wegen Körperverletzung im Knast.

Wieder draußen, wartete seine Freundin in der gemeinsamen Wohnung auf ihn. Doch die Beziehung zerbrach, sie setzte ihn vor die Tür. Acht Monate schlug sich Schiefelbein auf der Straße durch, ständig auf der Suche nach einem Schlafplatz. Oft waren es Supermarkteingänge. „Halt überall dort, wo es wärmer war und wo der Wind nicht hinzog.“ Schiefelbein nippt an seinem Kaffee.

Heute kann ihm die Kälte nichts mehr anhaben, heute schläft er nicht mehr auf der Straße. Der 43-Jährige sitzt auf einer Couch im Gemeinschaftsraum der stationären Wohnungslosenhilfe „Haus Eiche“ auf dem Gut Dauelsberg. Um ihn herum stehen mit Büchern gefüllte Regale und ein Tischkicker.

Viele Gründe für Obdachlosigkeit

Gründe, warum Menschen wie Schiefelbein auf einmal ohne festen Wohnsitz dastehen, gibt es viele. „Das geht sicherlich nicht von heute auf morgen“, sagt Anja Ammari, Leiterin der ambulanten Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Delmenhorst. Oft seien neben dem Wegbruch sozialer Beziehungen auch Suchterkrankungen, Depression und Verschuldung verantwortlich.

Die Wohnungslosenhilfe der Diakonie unterstützt Betroffene, wieder eine feste Bleibe zu finden. Um die Zeit zu überbrücken, hält sie sechs Wohnungen bereit, die sie zunächst drei Monate, bei Bedarf auch länger an Obdachlose vermietet. „Sie sind derzeit alle belegt, drei Menschen sind auf der Warteliste“, sagt Ammari. Die Chancen, nach der Übergangsphase geeignete Objekte für Wohnungslose zu finden, hätten sich aufgrund steigender Mieten und dem Mangel an Sozialwohnungen in Delmenhorst zusehends verschlechtert.

Bis Betroffene, die manchmal auch Jahrzehnte auf der Straße gelebt haben, wieder zu einer Routine finden, vergehen manchmal bis zu drei Jahre, sagt Ammari. In den Übergangswohnungen stattet das dreiköpfige Team der Wohnungslosenhilfe ihren Klienten auch Kontrollbesuche ab.

Unverbindliche Anlaufstelle

Eine unverbindliche Anlaufstelle für auf der Straße lebende Menschen ist der Tagesaufenthalt der Diakonie an der Willmsstraße. Wohnungslose können dort eine warme Mahlzeit einnehmen, ihre Wäsche waschen und duschen. „Wir bieten einen geschützten Raum, in dem Menschen einfach sein können“, erklärt Sozialpädagogin Katrin Radtke. 40 bis 45 Gäste, vorwiegend Männer, suchen die Anlaufstelle täglich auf – viele schon jahrelang. Die Alterststruktur wandelt sich allmählich: „Seit mehreren Jahren beobachten wir, dass die Wohnungslosen immer jünger werden“, sagt Radtke. Oft seien sie von zu Hause ausgerissen.

Auf dem Gut Dauelsberg, wo auch Jens Schiefelbein seit zwei Monaten zu Hause ist, bekommen Wohnungslose ein Dach über den Kopf und Betreuung durch zwei Sozialarbeiter. Die Heimstätte ist als stationäre Einrichtung für Obdachlose im gesamten Nordwesten zuständig. Auf der Hofanlage können sie arbeiten und bekommen ein Taschengeld. Selten sind alle 23 Plätze gleichzeitig belegt.

Jens Schiefelbein bewohnt ein eigenes Zimmer mit Fernseher, in das er sich zurückziehen kann, wenn ihm mal alles zu viel wird. Er hat seine festen Abläufe, steht morgens um vier auf, mistet den Kuhstall auf dem Gelände aus, macht seine festen Pausen. Für den Dienst hat er sich freiwillig gemeldet, weil er einen Teil seiner Kindheit auf dem Bauernhof seines Onkels verbracht hat. „Ich habe richtig Spaß an der neuen Arbeit“, sagt er und strahlt. Hier könne er zur Ruhe kommen und nachdenken.

Für Wohnungslose, die nur für wenige Tage Unterschlupf finden und weiterziehen wollen, stehen auf dem Gut Dauelsberg sieben Schlafplätze bereit. Wer an sich arbeiten möchte, kann wie Jens Schiefelbein stationär aufgenommen werden. Warum jedoch viele Übernachtungsgäste weiterhin ihr Glück auf der Straße versuchen wollen, statt für einen längeren Zeitraum in der sozialen Heimstätte unterzukommen, gibt Einrichtungsleiter Helmut Blauth zuweilen Rätsel auf. „Ich kann mir vorstellen, dass viele nicht bereit sind, sich ihren Problemen zu stellen“, vermutet er.

Jens Schiefelbein hat einen anderen Weg gewählt. Er will sein Leben wieder in den Griff bekommen. Manchmal, sagt er, erwischt er sich sogar dabei, wie er Pläne für die Zukunft schmiedet. Vor wenigen Monaten noch sei das undenkbar gewesen. „Ich denke schon mal darüber nach, möchte aber nichts überstürzen und erstmal zur Ruhe kommen.“

Artikel im Delmenhorster Kurier